22.06. Von Brea nach Santiago de Compostela 26km

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoSantiago Santiago Santiago!!!

Ich bin da Leute. Habt Ihr gezweifelt? Also ich habe gerade am Anfang einige Male mit mir gehadert. Schwer nachzuvollziehen, was ich damals gedacht habe. Für Euch ist gerade mal ein wenig Zeit vergangen und wahrscheinlich haben viele gar nicht mitbekommen, dass ich überhaupt weg bin. Doch hier auf dem Jakobsweg hat die Zeit eine ganz andere Wertung.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch fühle mich, als wäre ich so ca. 6 Monate unterwegs. Keine Übertreibung, sondern mein Ernst. Im Widerspruch dazu, fühlt sich aber jeder einzelne Tag so an, als würde er mit halber Lichtgeschwindigkeit vergehen. Scheinbar sorgt die tägliche Routine für schnell vergehende Stunden, aber doch Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagoist jeder Tag mit neuen Erfahrungen gespickt und kein Tag gleicht dem anderen. Also fühlt es sich auf lange Sicht so an, als wären schon Monate vergangen.
880 Kilometer habe ich hinter mich gebracht und es werden noch ein paar mehr. Ich möchte ja noch bis ans Meer laufen. Die Ankunft in Santiago ist aber schon ein Ende und es fühlt sich auch so an.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDie letzte Wanderung vor dem Pilgerhimmel zog sich scheinbar endlos in die Länge. 26 Kilometer lang ging es wieder Berg Auf und Ab. Die innere Anspannung und Neugier wird letztlich unerträglich und man möchte einfach nur ankommen. Als ich dann auf dem Monte de Gozo ankam war die Freude riesig. Ein Blick über Santiago wurde offenbar und die ersten Genüsse stellten sich ein. Ich habe es mir unterwegs auch gut gehen lassen, um ja nicht Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagozu ausgepowert anzukommen. Ich hätte wohl auch keinen weiteren Tag des Laufens mehr geschafft. Ich bin einfach zu entkräftet. Mein Körper schreit lauthals nach einer ausgiebigen Pause. Auch am zweiten Tag nach Ankunft fühle ich mich zwar glücklich, doch auch schrecklich ausgelaugt. Die Erkältung macht mir immer noch das Leben schwer und ich fühle mich vor allem früh und abends matt. Ich hoffe es vergeht bald.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoEs gibt aber genügend Grund zur Freude und Ablenkung. Am Tag der Ankunft, also gestern, begegneten mir allerlei Pilger, welche ich schon teilweise vergessen hatte. Zufälle über Zufälle. Komischerweise fehlt soweit ich beurteilen kann niemand, welchen ich etwas besser kennen gelernt hatte. Mit Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoMartina hatte ich ja SMS geschrieben und wusste, wir würden uns sehen. Bei Martina war dann auch Jutta, welche ich viele Tage hinter mir wähnte. Arno kam dazu und auch Peter den Österreicher sah ich kurz darauf wieder. Die zwei Südamerikaner, mit denen ich kaum ein Wort gewechselt habe und doch hatte Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagosich eine  Vertrautheit eingestellt. Dann die fröhliche kleine Schweizerin, welche ich für eine Österreicherin gehalten hatte, Pardon an dieser Stelle. Erst saßen wir zu fünft beim Essen zusammen und dann teilte sich die Gruppe neu auf und ich saß noch mit Elisabeth der Schweizerin und Arno in Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagoder nächsten Kneipe und wir tranken gemütlich ein Bierchen. Einfach traumhaft. Jedem ging es gut und wir alle schwelgten in unseren Erinnerungen und dem Wohl verdienten Stolz, auf unsere eigenen Taten.

Die Herberge ist groß und völlig in Ordnung. 12 Euro kostet der Spaß, aber es gibt hier kein Internet. Ich würde es auch nicht benutzen, wenn. Ich möchte es genießen hier zu sein und Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagomich von nichts ablenken lassen. Das Gebäude gleicht einer alten Universität. Die Schlafsäle sind groß und sauber. Ich glaube dennoch, ein paar Bettwanzen in meinem Schlafsack zu haben. Jeden Tag habe ich ein paar Bisse mehr. Mücken können es nur schwerlich sein.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoReise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoReise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoReise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoReise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoReise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoReise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoReise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoReise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiago

23.06.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoHeute habe ich gemütlich gefrühstückt und mir eine deutsche Zeitschrift gegönnt. Der Aufmacher lautete “Viagra für Frauen” oder so ähnlich. Einfach toll, zu sehen, dass sich nichts geändert hat in der Welt. Deutschland hat eine Flutkatastrophe mehr auf dem Konto und Frau Merkel scheint auch die Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagonächste Wahl zu gewinnen. Die Frau ist beliebt und nichts scheint dem einen Abriss zu tun und auch ich kann nicht umhin ein wenig Sympathie zu empfinden. Herr Steinbrück verschwindet noch vor der Wahl im Abgrund der nie mehr erwähnten Wahlverlierer und es wundert mich nicht.

Ich war in der Kathedrale, welche wirklich ein Hingucker ist und habe mir die Pilgermesse Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagoangeschaut. Leider haben die Menschen in der Kirche kein allzu prächtiges Bild abgegeben, denn der ständige Einsatz der Security ist mir stärker im Gedächtnis geblieben, als der ganze Rest. Die Menschen beten zu den richtigen Werten und verhalten sich noch im selben Moment direkt entgegengesetzt dazu. Ich verstehe es nicht. Jeder will den besten Sitzplatz und ja genug sehen. Rücksichtslos wird da gekämpft und so manch altes Mütterchen muss Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagoum den sicheren Stand kämpfen. Die Sicherheitskräfte erklären immer wieder die Kameras und Handys sollen bitte in die Tasche wandern, aber es ist zwecklos. Die Ehrwürdigen bitten zweimal nach der Messe um die gebotene Stille in diesem ehrwürdigen Haus, doch die Masse ist taub. Ich will nicht selbstgerecht wirken, aber was Respekt und Würde anbelangt, haben viele Menschen Nachholbedarf.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoSeit heute Vormittag bin ich nun auch stolzer Besitzer einer Pilgerurkunde. Anfangs hatte ich etwas Bammel, da ich nicht sicher war, was ich den nun ankreuzen würde wenn ich an der Reihe bin. Religiös oder nicht. Die Aufgabe wurde mir erleichtert, da die Kreuze bei nix oder bei religiös und andere gemacht werden konnten. Da ich ja nicht an nichts glaube, wählte ich Numero Zwei.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoHabe ich den Glauben zu Gott gefunden? Also ich habe definitiv nicht den Glauben an die Kirche gefunden. Mit dem ganzen Gold, welches ich auf dem Weg gesehen habe, hätte man wohl schon vielen Menschen helfen können. Doch die Menschen, welchen ich begegnet bin, welche von Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagochristlichen Organisationen oder aus anderen Gründen ihren Platz hier auf dem Weg finden und gefunden haben, waren durchweg als positives Beispiel zu werten. Niemand hat versucht mich zu bekehren. Keiner hat mich verurteilt und ich war doch ehrlich zu ihnen. Ich habe den Glauben gefunden, nämlich den Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoGlauben in die Menschen. Den Glauben ans “Andocken”. Ich bin nicht sicher, mit wem ich auf dem Weg darüber gesprochen habe, aber es hallt nach in meinem Kopf. Wir brauchen manchmal jemanden bei dem wir andocken können. In der Gemeinschaft zu lachen und sich auszutauschen sind ganz wunderbare Dinge, die nicht nur einen religiösen Hintergrund haben sollten. Wir sollten öfters mal mit der Gemeinschaft andocken und unsere Probleme Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagonicht unter den Tisch kehren. Typisch deutsch, die eigenen Probleme für sich zu behalten. Selbst erstickt man fast daran, indem man die Fassade von “Alles bestens bei uns” aufrechterhalten will und auf der anderen Seite bilden sich die umgebenden Menschen ihre eigene Meinung und erschaffen oft Pseudowahrheiten, die noch mehr zerstören. Ich möchte niemanden in einen Topf werfen, aber mir und meiner Familie ist das mehr als einmal passiert. Es gab Gerüchte um den Tod meines Vaters und die haben zu den ohnehin schlimmen Schmerzen noch heftigere Qualen verursacht.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoEin besseres Miteinander wird immer wieder gepredigt und auch ich werde es hier an dieser Stelle tun. Bitte ihr lieben Leute hört auf übereinander zu reden. Fangt an, miteinander zu reden. Alle Menschen haben Fehler und das ist ganz normal. Teilweise macht gerade das den Reiz an den Individuen aus. In unserer Vielfalt liegt die Kraft und wir wachsen daran, dass wir die Köpfe zusammenstecken.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoZurück zum Glauben. Was ist denn jetzt mit der Erkenntnis lieber Siggi? Also ich spüre das es ein Band zwischen den Menschen gibt. Es ist tatsächlich vorhanden. Wie ich das wissenschaftlich erklären kann, weiß ich noch nicht, aber die Energie ist spürbar. Die verschiedensten Religionen der Welt beruhen auf diesen Gefühlen. Der Mensch mag zwar alleine gut zurecht kommen, aber am Ende sind wir doch Gemeinschaftswesen und selbst die härtesten Charaktere die ich auf dem Camino gesehen habe, brauchten früher oder später mal einen Menschen, mit dem sie andocken konnten.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDie Physik lehrt uns, dass alles aus immer noch kleineren Teilen besteht. Schaut man in ein Atom, findet man auch da einen neuen Kosmos. Sicherlich wissen viele von Euch noch, dass Atome aus Neutronen, Elektronen und Photonen bestehen, aber wisst ihr auch, dass sie nicht einmal ein Prozent Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagodes Atoms ausfüllen. Kennen wir das nicht auch von unserem Planeten im Bezug zum umgebenden Weltall. Wir verstehen leider nur wenig von dem was uns umgibt. Sicherlich haben wir viel herausgefunden, doch stehen wir noch am Anfang. Unser Körper besteht aus einer Unmenge von Atomen. In gewisser Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoWeise sind wir unsterblich. Dieses Gebilde, welches sich Mensch nennt, stirbt eines Tages und zerfällt wieder in schon Millionen von Jahren existierende Bestandteile. Diese werden wieder Teil von etwas anderem sein. Vielleicht von einer Blume, vielleicht von einem Vogel, von einem Wassertropfen oder auch vom grünen Gras auf den Wiesen. Eventuell sind die Atome meines Körpers einmal Bestandteil eines  Dinosauriers gewesen. Es tröstet mich jedenfalls, zu wissen, nichts ist umsonst und das Ende ist auch wieder ein Anfang. Ja man denkt hier über allerlei Sachen nach.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIhr werdet Euch fragen, wie viel ich beim Schreiben schon getrunken habe, aber ich kann Euch versichern, dass ich nüchtern bin. Die Ankunft in diesem wunderschönen Ort hat in mir irgendwie einen Stöpsel abgesprengt. Mein Geist ist wieder frei, wie früher  einmal. Ich habe mir in der Vergangenheit immer mehr angewöhnt, meine Gedanken für mich zu behalten. Das normale Umfeld mag es nicht, wenn zu viel Staub aufgewirbelt wird. Ist ja auch richtig, aber ich habe mich auch immer schlechter gefühlt, als wäre ich ein Sonderling, weil ich mir Gedanken mache.
Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoEs sind nur ein paar wenige, die mich dazu bringen, mich so zu verhalten. In mir hat sich über viele Jahre hinweg aber der Wunsch entwickelt, jedem zu entsprechen. Bester Freund für alle zu sein und das jeder mich mag. Ein Ereignis welches dieses Jahr stattgefunden hat, ist wohl der Auslöser umzudenken. Die eigentliche Erkenntnis ist aber erst hier auf dem Weg zu mir gekommen. Vielleicht verliere ich jemanden als Freund, indem ich mich nochmals verändere, aber ich möchte nicht mehr jedem gefallen. Ich bin stolz auf mich und meine Taten.  Ich habe mir immer viel Mühe gegeben und bin oft kritisiert worden, weil ich bin wie ich bin. Ich Blödmann habe mir darüber auch noch Gedanken gemacht. Ich bin gut so wie ich bin und dass ist wohl die bewegenste Erkenntnis auf diesem Weg für mich. Wem das nicht gefällt, den brauche ich auch nicht zum Freund.

Bericht 24.06.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoGestern Nachmittag bin ich noch auf das schweizer Pärchen getroffen. Ich freute mich tierisch und wir verabredeten uns für den Abend zum Essen. Auch unsere kleine Runde wurde größer und größer und so saßen wir letztlich zu siebt oder acht da und lachten lauthals bei Wein und Bier. Die Schweizer heißen Doro und Wim. Die haben schon 1800 Kilometer hinter sich und sind seit Anfang April unterwegs. Wahnsinn! Ich ziehe meinen Hut vor ihnen. So nett und relaxed wie die beiden sind, da fehlen mir wirklich noch 1000 Kilometer mehr. Über Probleme wird gar nicht mehr gesprochen, denn diese sind wie hinweggeschwemmt. Jeder lernt hier jemanden kennen, der ein schlimmes Schicksal hinter sich hat. Man lernt, seine eignen Probleme als Lappalien zu betrachten. “Don’t worry, be happy!”

Arno, welcher mir auch über alle Maße ans Herz gewachsen ist, schreibt auch einen Blog.Im Bild in vorderster Reihe rechts zu sehen. Er wird hoffentlich ein Buch zum Besten geben und ich hoffe seine Projekte gedeihen und finden viele Menschen, welche sich mit den Themen genauer auseinandersetzten werden. Wenn ich daheim bin und meine Artikel nachbearbeite, werde ich alle Links zum Thema hier einfügen. Nur Geduld.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoAuch heute treffen wir uns noch einmal und dann geht es für mich morgen in der Früh wieder weiter. Ich bin immer noch nicht ganz gesund, aber ich möchte Finisterre sehen und den Ozean dahinter. Es zieht mich magisch dorthin und ich kann einfach nicht länger warten. Auch muss ich ein wenig an die Reiseplanung denken, auch wenn ich gar nicht mehr gern plane. Muss aber sein, wenn ich wieder nach Hause kommen möchte ohne mich finanziell zu ruinieren. Leider sind die ganzen Flüge und Zugreisen für Westdeutschland ausgelegt. Es ist billiger nach Afrika in ein kleines Dorf zu gelangen, als ins Erzgebirge. Scheinbar müssen wirklich ein paar Ossis mehr auf den Weg. Habe auch keinen getroffen hier.

Liebe Elisabeth, ich habe ein paar Worte in der Kathedrale für Dich gesprochen. Danke noch mal für alles. Du bist ein Engel, den der Weg braucht. Ich hoffe es geht Dir gut daheim. Lass es Dir gut gehen und ich nehme an, Du wirst bald wieder hier sein.

Irma, ich hoffe Dir und Deinem Mann geht es gut. Es lohnt sich, den Weg vielleicht ein andermal zu beenden. “Ik ben in Santiago!”

Schönen Gruß auch an die Heimat. Alle die mich jeden Tag verfolgt haben. Ich hoffe Ihr habt Euren Spaß daran und schaut Euch auch noch meine letzten Tage auf dem Camino an.

Mein lieber Schatz, Du fehlst mir unheimlich. Ich werde Euch so was von knuddeln wenn ich daheim bin.

Viele Grüße auch in die Pfalz zu meinem lieben Mütterchen. Genießt die Sonne und ertrinkt nicht im Pool.

Ich grüße Dich Reiner, Ariane und natürlich mein Lenl. Ich freue mich schon wieder zum Kaffee zu Euch zu stoßen. Ich denke oft an Euch und plane im Kopf schon die nächste Bootstour.

Grüße nach Ismaning zu Dir Christina und Thomas. Danke für den Eintrag. Habe mich sehr gefreut, dass Ihr meinen Weg verfolgt.

Meine Kumpels, was wäre ich ohne Euch. Ich hoffe es steht schon ein kühles Bierchen für mich bereit. DJ, heiz den Grill an, ich komme bald heim:-)

Ihr anderen, die ich nicht erwähne, ich denke an Euch alle. Hier habe ich die Zeit in meinen Erinnerungen zu schwelgen und die schönen Jahre mit Euch wieder aufleben zu lassen.

Karte 22.06.Höhenprofil 22.06.Statistik 22.06.