Archiv für den Monat: Juli 2013

29.06. Am Ende der Welt Finisterre/ Fisterra 13 + 6km

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiago29.06. Ankunft in Finisterre, Fisterra, dem Ende der Welt

“Daheim verblasst und die Welt rückt nah.”

Das waren die ersten Worte, an die ich dachte als ich meine Wanderung begann. Sie stammen aus der Feder von Tolkien und ich liebe sie. Nun da der Weg geschafft ist, kommen sie mir wieder zur Erinnerung.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDer Weg nach Finisterre war noch einmal eine wunderschöne Reise, teilweise durch Wald, sonst komplett am Meer entlang. Das Wetter war uns wohlgesonnen und es gab hin und wieder auch einen kühlen Windhauch zu den brennenden Sonnenstrahlen.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIn “Estorde” machten wir kurz Halt für eine Kaffeepause und genossen den Ausblick auf das Meer und einen zauberhaften Strand.

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Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDann kam der “Playa de Langosteira” in Sicht. Ein langgezogener Strand mit weißem Sand und strahlend blauem Meer. Fisterra lag direkt vor uns. Scheinbar endlos wanderten wir am Strand entlang. Nach einer so langen Reise, kann man es kaum aushalten, endlich den Rucksack abzuwerfen und einfach den Strand zu genießen.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDoch wir waren noch nicht da, also laufen und laufen. Es ging Berg auf und dann waren wir im Ort. Nun noch die Schwierigkeit, die richtige Herberge zu finden, die den eigenen Wünschen entspricht. Meine Ansprüche reduzierten sich auf möglichst Internet und nah am Meer. Eine Heerschaar von Werbern versammelte sich in der Ortsmitte und viel über die unschuldigen Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoPilger her, um sie in die von ihnen als richtig empfundene Herberge zu geleiten.
Anfangs war ich skeptisch, Dennis dafür aufgeschlossener und da ich keine Lust mehr zu Laufen hatte, folgte ich einfach. Zu unserem Glück, haben wir auf das richtige Pferd gesetzt. Es ging zwar wieder aufwärts, aber was soll’s. Letzte Prüfung für diesen Tag, dachte ich.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDie Herberge ist günstig, liegt direkt an dem entlegenen und einsamen Strand, hat eine Küche, normale Betten und Internet. Besser geht’s nicht. Wir erfuhren, dass die Albergue gerade erst eröffnet hat und dementsprechend neu ist alles. Die Hospitaleros sind freundlich und äußerst nett.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoWir gingen nach kurzer Erholungspause zum Strand und fühlten uns wie ins Paradies vorgelassen, mit unserer Credenziale als Ticket. Natürlich musste man diese nicht am Strand vorzeigen, aber in der Albergue de Peregrinos, wenn man eine Urkunde bekommen möchte. In der “Fisterrana” wird man beglückwünscht das Ende der Welt erreicht zu haben.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoSpäter am Abend kam dann der letzte Aufstieg meiner Reise. Der Weg zum Kap Fisterra. Drei Kilometer ging es den Berg hinauf. Dort angekommen sieht man…naja…also Wasser und Horizont halt. Der Aussichtspunkt selbst ist mit einigen Menschen, Souvenirgeschäften und einer Bar gespickt. Dazu der große Leuchtturm, der 57 Kilometer weit reichen soll und 70% der weltweiten Frachtschifffahrt kontrolliert. Darunter befinden sich große Felsen und einige Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoFeuerstellen, wo abwechselnd Kleidung verbrannt wird. Ich habe nichts verbrannt, da ich es für Umweltverschmutzung halte und außerdem wüsste ich nicht was ich opfern sollte. Ich habe ja nicht vor, hier mit dem Wandern komplett aufzuhören. Nur der Jakobsweg ist zu Ende. Ich Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagohabe mir mit Dennis eine Flasche Rotwein geteilt und wir stimmten ein paar Lieder an. Wir unterhielten uns noch eine Weile und wanderten nach dem Sonnenuntergang in ein Café mit Blick auf den Hafen. Dort verköstigten wir nachts um halb eins, eine geniale Pizza. In Spanien ist es üblich, lange wach zu sein. Auch Kinder sieht man mit ihren Eltern bis in die Nacht hinein. Es war eine tolle Stimmung und diese bleibt unvergessen.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiago

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Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch wollte ja erst noch bis Muxía weiter, aber diesen Plan werde ich vielleicht später mit meiner Freundin nachholen. Ich bin sicher, mit ihr und unserem süßen Spatz mal Urlaub hier zu machen. Ich muss einfach wieder herkommen. Nach Muxia gehen nur sehr wenige. Das Gros fährt mit dem Bus. Ich werde diese letzte Reise aber nachholen, versprochen. Mein Ziel war es ans Meer zu laufen. Meine Reise endet hier, ich spüre es. Mein Körper benötigt auch die Ruhepause. Mein Husten ist nicht vergangen und ich werde am Montag dann zum Arzt gehen.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDieser Ort hier ist auf eine gewisse Weise majestätisch. So viele Pilger sind hier schon angekommen. Die Kelten zelebrierten hier Fruchtbarkeits- und Sonnenriten. Die Römer nannten es Finis Terrae. Ich habe gedacht, ich würde hier in eine Partystadt kommen, aber dem ist nicht so. Sicherlich kann Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagoman hier Spaß haben, aber ich habe keine torkelnden Jugendlichen gesehen, noch laute Musik gehört. Es ist chillig wie eben in einem Fischerdorf, aber auch groß genug um Supermärkte, Apotheken und alles was man so braucht zu beherbergen. Die Stimmung ist typisch spanisch entspannt.

30.06. und 01.07.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDer Tag begann heiß, ging über in Hitze am Nachmittag und endete dann auch hoch temperiert. Ich habe noch ein wenig Zeit mit Dennis verbracht, dann verabschiedeten wir uns und er ging zu seinem Bus gen Santiago. Alles Gute für Dich. Wird bestimmt ein toller Lehrer aus Dir, das Herz sitzt bei Dir jedenfalls am rechten Fleck.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch habe fast den ganzen Tag am Meer verbracht und habe meinen Beinen Ruhe gegönnt. Auch mal schön, nicht zu laufen.  Ausnahme war ein Besuch bei der Pizzeria des Vorabends. Ich musste einfach noch einmal dorthin. Ich bin nicht sicher, ob es die beste Pizza meines Lebens ist, aber sie liegt definitiv in der Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagovordersten Reihe. Nicht fettig, aber fettig genug. Der Teig dünn, aber nicht zu dünn. Die Zutaten nicht zu viel und in Verbindung mit der Soße ein Hochgenuss. Der Blick auf den Hafen und die gute Mahlzeit wurden nur noch von der Musikauswahl des Lokalbetreibers übertroffen. Abwechselnd hörte ich Norah Jones, Johnny Cash mit seinem letzten Album nebst Simon & Garfunkel. Zum zerlaufen schöne Atmosphäre.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoWenn man den ganzen Tag am Meer verbringt, kann man viel nachdenken und die Wellen mit ihrem nie ermüdenden Auf und Ab versetzen meinen Geist in Schwingungen. Die vielen Gesichter der Reise kommen wieder. Schöne Erfahrungen wie schlechte.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch habe 972 Kilometer hinter mich gebracht. Einschließlich der Touren durch die Städte und der sonstigen Wege bin ich weit über tausend Kilometer gelaufen. Es fällt mir schwer, diese Strecke richtig einzuordnen. Mit dem Auto ist das ein Tag, wenn man langsam macht zwei. In einem Flugzeug ist es vielleicht gerade mal die Zeit, welche die Stewardess braucht, um dir ein paar Kopfhörer zu holen. Um den Planeten einmal zu umrunden müsste ich das Vierzigfache laufen. In kosmischen Maßstäben, zum Beispiel die kleine Reise zum Mond, da habe ich noch nicht mal die Schuhe angezogen, soweit ist das. Ist mir aber egal, oder mit anderen Worten: “Es ist nur ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für mich.”

Ich habe während meiner rund 50 tägigen Reise etwa 80 Bocadillos, also belegte Brote, gegessen, ca. 120 Liter Wasser getrunken, dazu 30 Liter Cola und 30 Liter Bier. In 46 fremden Betten geschlafen, mir 110 mal die Füße eingecremt, meine Socken im Wechsel 50 mal gewaschen, wie auch die Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoUnterhosen, Hosen und T-Shirts. 50 mal meinen Rucksack eingepackt und fast genauso oft überlegt, was raus kann. Ich habe schätzungsweise 7 mal gesungen, ob allein oder in Begleitung, 3-4 mal Tränen in den Augen gehabt. In etwa 799 mal “Buen Camino” gesagt und ca. 984563 mal selber den Gruß zu hören bekommen. Es dürften so um die 50 tiefgründige Gespräche entstanden sein und dreimal so viel normale, vielleicht zwei oder drei, welche ich nicht gebraucht hätte. Ich habe in manchen Phasen Tage lang kaum ein Wort gesagt und war manchmal sehr gesprächig. Ich wurde auf meiner Reise nicht sexuell belästigt und habe es anders herum geschafft auch niemanden sexuell zu belästigen. Es wurde mir gerade mal eine Dose Cola geklaut und ein Paar Socken, wobei die Socken sicherlich nur ein Versehen waren. Noch dazu waren sie kaputt und dann dieser ganz eigene Geruch… ich hoffe dem oder der Ärmsten geht es gut.
Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDie nächsten Zahlen sind grob zusammengerechnet und sollten nicht für weiterführende Statistiken genutzt werden. Ich habe etwa 70 Hühner, 700 Schafe, 60 Kühe und 14 Bullen, 120 Hunde, 13 Eidechsen, 30 Katzen, 5 Gänse, 20 Tauben, 30 Möwen, 70 Pferde, 1120 Fische, 2 Esel, 55 Käfer und einen Dämon (weiß nicht ob die als Tier zählen, hat sich aber so benommen) gesehen. Ihr seht, es geht hier sehr bunt zu und wenn ich jetzt noch Nationalitäten aufzählen würde, dann werde ich hier versauern.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch werde den gelben Pfeil vermissen, welcher für den Camino so typisch ist. Wie schön wäre doch ein Wegweiser für das ganze Leben. Wenn man sich nicht sicher ist, was soll ich tun, in dem Moment taucht ein gelber Pfeil auf und weist dir die Richtung.  Man kann auch  auf Zeichen achten und man wird immer welche finden. Kaffeesatzlesen nennt man das doch, oder? Ich bin nicht sicher, wonach ich mich in meinem weiteren Leben richten werde, aber ich habe gelernt, man muss sich etwas in den Kopf setzen und es dann auch machen. Wenn du eine Idee hast, dann denke nicht an die Millionen die du Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagodamit verdienen wirst, sondern fange an etwas aufzuschreiben. Ein Meister wird man nicht durch Träumereien, sondern durch das Anhäufen von Fertigkeiten, Erfahrungen und Wissen. Ich habe mich immer wieder gefragt was ich machen soll. Es gibt viele Dinge, die mich interessieren, aber es ist nicht möglich alles auszuprobieren. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, aber der Weg wird leichter, wenn man eine Sache anpackt und sie zum Ende bringt. Ich hoffe ich habe diese Lektion gelernt.
Das Pilgerleben ist stark von meinem Rucksack abhängig. Was ich bei mir habe bestimmt, was ich machen kann. Je mehr ich dazu packe, umso mehr Möglichkeiten bieten sich mir. Gleichzeitig wird das Gewicht aber schwerer. Spreche ich hier in Gleichnissen? Ja. Ich rede vom übermäßigen Konsum. Man braucht ein Auto, einen tollen Fernseher, dann aber auch noch einen Computer, der wiederum allesmögliche kann. Ein IPhone, IPad, Schminksachen, Kleider und Klamotten in Mengen, Möbel, teuren Grill, Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoAlufelgen, Zeitschriften, Küchengeräte, Gartengeräte, Heimwerkerzubehör, Parfüm, Poster, Zigaretten, Alkohol, Facebook-Account, nen eigenen Blog und so weiter. Ihr wisst schon was ich meine. Je mehr wir in den Rucksack laden, desto schwerer wird alles. Mit dem Konsum sind Ratenzahlungen und der ganze Rest verbunden. Nicht der Konsum an sich ist schlimm. Er hält uns aber vom Leben ab. Computer und Fernseher lenken davon ab, sich miteinander zu unterhalten. Erfahrungen auszutauschen, für einander da zu sein. Die moderne Gesellschaft vereinsamt, wobei gerade sie die besten Kommunikationsmöglichkeiten hervor gebracht hat. Ich selber habe auf einer Party gesessen vor gar nicht langer Zeit und alle außer mir und meinem Kumpel saßen da und schrieben von der Party in Facebook und Co. Die Party selber hat aber eigentlich gar nicht stattgefunden. So zumindest meine Gefühle dazu.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoEin ständiges Überbieten mit Fotos zu Events, Urlauben, Partys und was weiß ich nicht alles. Nur waren die Leute wirklich dort? Schön das in meinem Blog zu lesen, wo man sich ja über mich die gleiche Frage stellen könnte. Ich versichere Euch, ich mache den gleichen Fehler. Ich bin hier und schreibe für Menschen, welche mich nicht mal kennen. Es hat aber auch sein Gutes. Deshalb werde ich auch weiter damit machen. Vielleicht kann ich den einen oder anderen wieder aus seinem Häuschen locken, um sich die Natur selber anzuschauen und nicht nur die Bilder im Internet zu bestaunen. Bilder bleiben Bilder. Ein Eisbecher sieht lecker auf dem Foto in der Speisekarte aus, ist aber nur eine trübe Animation von diesem echten Genuss auf dem Gaumen. Bilder können nicht wieder geben, was Du in der Natur siehst, riechst und schmeckst. Regen und Matsch, können schön sein, wenn man sich nach einem harten Tag mit jemand bei einem Bierchen darüber unterhält. Ein verstauchter Knöchel kann dir das schönste Lächeln aufs Gesicht zaubern, wenn Du Dich in die- oder denjenigen verliebst, die oder der dir in dieser Situation beisteht. Ein Glas Leitungswasser wird zum Quell von Freude und Lebensenergie, wenn Du vorher am Verdursten bist.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch saß da am Meer und hatte mir am Abend ein besonders schönes Fleckchen im Sand ausgesucht. In meinen Ohren schallten in voller Lautstärke die vier Jahreszeiten von Vivaldi. Meine Gespräche mit Dennis hatten mich auf die Idee gebracht und so habe ich mir Vivaldi besorgt und dann mit zum Meer genommen. Unglaublich. Natürlich kannte ich die Musik ja schon aus dem Musikunterricht, aber mit dieser Pracht vor mir, war es als schaue man dem Schöpfer beim Arbeiten zu. Ein Gedicht viel mir ein, welches ich bei Thereau gelesen hatte.

“Ich gebiet’ über alles, was ich erschaue,
Und dies Recht kann mir keiner bestreiten.”         William Cowper

02.07.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDer Tag der Abreise. Es ist mir schwer gefallen, heute aus dem Bett zu kommen. Die anderen im Zimmer haben ewig geschlafen und da ich es gewöhnt bin, von den Mitpilgern geweckt zu werden, war ich erschrocken, als die Uhr schon 8 zeigte. Ich bin aufgestanden und habe mich leise fertig gemacht. Der gestrige Abend war lang, da ich noch auf Laura und Andreas getroffen bin. Eigentlich wollte ich nur kurz mit den beiden reden, um endlich meinen letzten Bericht fertig zu bekommen, aber es war nicht möglich. Ich fand die beiden super sympathisch und freute mich über so nette Gesellschaft an meinem letzten Abend am Meer. Sonne gab es an diesem Tag ohnehin nicht und da ich vom Arzt Antibiotika verordnet bekommen habe, war es ganz sinnvoll, etwas kürzer zu treten.

Die überaus nette Hospitalera füllte dann auch noch den Kühlschrank mit ein paar Bierchen auf und so saßen wir da Stunde um Stunde. Wir redeten über alles Mögliche und ich erfuhr das der mit Glatze vor mir sitzende Andreas noch vor kurzem lange Haare hatte und in einer Band spielt. Sieht man ihm jetzt nicht gleich an. Da er gleich bei Beginn des Gespräches auf die falschen Höhenprofile im Reiseführer verwies (wie wahr) und dies mit seiner Erfahrung Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagoals Fallschirmjäger in Verbindung brachte, nahm ich an, er wäre Berufssoldat, die Figur hat er jedenfalls. Man sitzt ja aber immer wieder dem falschen ersten Eindruck auf und so entpuppte er sich als Therapeut der mit behinderten Menschen arbeitet. Seine Frau Laura befindet sich ebenso im menschenfreundlichen Gewerbe und ich erfuhr ein paar Hintergrundfakten zum Job, welche an dieser Stelle im Verborgenen bleiben. Es hat mir jedenfalls riesigen Spaß gemacht.

Am heutigen Morgen habe ich die beiden dann beim Frühstücken getroffen und ich setzte mich zu ihnen. Prompt bekam ich zwei mit Marmelade geschmierte Toast’s von Laura serviert und da ich seit Wochen kein richtiges Frühstück hatte genoss ich Toast und Kaffee.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoEin letztes Mal habe ich den Strand besucht und mich dann in der Herberge von Laura verabschiedet. Andreas war wohl unterwegs, aber ich nehme an, ich werde die zwei Saarländer wieder sehen. Laura stellte in diesen letzten Minuten dann eine Frage, welche mich die gesamte Busfahrt nach Santiago beschäftigen sollte. Sie fragte mich, woher mein Spitzname stammt. Ich erzählte es ihr. Es ist im Grunde nur eine Geschichte, aber mir viel auf, dass ich bei einer Kleinigkeit gelogen habe. Dieser Umstand hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich bin 1000 Kilometer gelaufen und es gibt da doch noch etwas, was scheinbar nicht geklärt ist.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch möchte damit nun Schluss machen und diese kleine, aber wichtige Etappe niederschreiben. Ein für alle Mal, möchte ich auch damit meinen Frieden machen. Ich glaube es ist nicht unwichtig, wenn man verstehen will, wer ich bin. Vielleicht interessiert es Euch gar nicht, oder Ihr haltet es für zu privat, aber ich empfinde es als befreiend, so offen zu schreiben. Meine persönliche Geschichte gehört teilweise zu meinem Blog. Ich möchte mit meinem Blog etwas verarbeiten und ich bin nicht sicher in welche Richtung es mich lenkt, aber vielleicht findet ihr Euch in manch Erzähltem wieder und wenn es mir gelingt auch nur einen von Euch auf den Weg zu locken, oder Euch etwas Lebensmut zu geben, dann hat es sich gelohnt. Schon längst lesen nicht mehr nur meine Freunde diesen Blog. Ich habe im Juni fast 1500 Besucher gehabt und ich freue mich das verschieden motivierte Leute meine Seite finden. Ich werde versuchen dieses Portal größer zu machen und hoffe auch auf Eure Hilfe in Form von einer kleinen Spende oder ähnlichem. Aber gemach, gemach, noch habe ich nur darüber nachgedacht. Nun zur Geschichte.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoWer nennt mich Siggi? Eigentlich alle, aber mein richtiger Name ist Norman. Ich mag meinen richtigen Namen, aber als ich um die zwölf Jahre alt war, sollte sich mein Rufname ändern. Ich war klein und pummelig, aber ganz zufrieden mit mir. Ein aufgewecktes Kerlchen, was schon so manchen Lehrer geärgert hatte, aber doch höflich war und nicht auf den Mund gefallen. Ich bin mit meiner Familie 1993/94 nach Mildenau gezogen. Also von der Stadt auf’s Dorf. Ich fand ein paar Freunde, die ich heute noch habe, aber es gab auch viele, die mich verspotteten. Man wollte die Siedlung mit den neugebauten Häusern nicht im Dorf und ich fühlte mich ausgegrenzt. Eine größere Truppe der Dorfjugend war da ziemlich unfreundlich zu mir. Sie nannten mich “Schweinchen”, weil ich solche Pausbacken hatte. Als ich diesen Namen bekam, begann ich mich dick zu fühlen. Ich schämte mich und ich hasste den Namen.

Die Erinnerungen sind schon sehr verblasst, aber ich weiß noch, dass es mir gelang, mich mit einigen der “Großen” anzufreunden. Ich wurde immer mehr integriert und eines schönen Nachmittags standen wir in einer Runde und Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagospielten einen Ball hin und her. Einer brachte zur Sprache, mein Spitzname sei nichts mehr und es bräuchte einen neuen. Es wurde überlegt und da ich nach wie vor der Kleinste war, wenn auch nicht mehr so pummelig, kamen nicht die nettesten Vorschläge zu Tage. Dann sagte jemand der “Schweine-Siggi”. Gängig und bekannt. Ein andächtiger Tag wenn ich mir das heute überlege.

Ich begann Teil einer Clique zu werden und war stolz auf den Namen Siggi. Ich mochte ihn sofort. Ich kann nicht sagen warum, aber es war mehr als nur OK. Die Jungs waren älter als ich, nur einer aus meiner Klasse war dabei, Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de Santiagoaber nicht so oft und außerdem war er dennoch viel größer als ich. Ich lernte hier so einige Sachen, die ich heute noch gut kann, aber größtenteils aus meinem Leben verbannt habe. Alkohol trinken, rauchen und Karten spielen. Es war ein tolles Gefühl in einer großen Gruppe zu sein. Ich wurde ein “Rechter”, denn das waren wir. Ich verlor die meisten alten Freunde und ich bemerkte es kaum, da ich berauscht davon war, mich so stark zu fühlen.
Ab der 7. Klasse musste ich in den Nachbarort in die Schule, wegen meinem Wahlfach. Schon am ersten Schultag wurde ich im Bus laut gerufen. Die jüngeren hatten im Bus vorn zu sitzen oder zu stehen, die größeren und älteren Schüler durften hinten Platz nehmen. Eine eindeutige Hierarchie. Durch den Bus wurde mein Spitzname gerufen. “Eh, bist Du der Siggi? Was machst Du da vorn, Du gehörst hier hinter, aber schnell!” Er hatte Siggi gesagt. Der Bus war rammelvoll und ich zwängte mich halb verlegen, halb stolz nach hinten durch. Ich habe das nie vergessen. Es war einer der schönsten und gleichzeitig einer der dümmsten Momente in meinem Leben. Mich hatte die Gruppendynamik erfasst. Ich war genau in dem aufgegangen, was so viele Menschen schon das Leben gekostet hat.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDer Schulunterricht ist nicht immer umsonst und so kam es, dass wir in der Schule einiges über den 2. Weltkrieg lernten. Schon nach kurzem war ich Feuer und Flamme und der Geschichtsunterricht wurde mein Lieblingsfach. Mein Lehrer hat mich glaube, nie leiden können, aber ich war sein größter Fan. Seine Art war sicherlich sehr eigen, aber gerade weil er mich so ablehnte, stachelte er mich nur noch mehr zum Lesen an. Ich verstand für was ich mich stark machte. Nationalsozialismus. Ich schämte mich.

Ich begann mich innerlich zu verändern und suchte wieder mehr Kontakt zu meinen alten Freunden. Manchen hatte ich schlimm wehgetan. Ich war nicht für sie da gewesen und irgendwann, nachdem ich nur noch sehr selten bei den Rechten war, beschloss ich dort auszutreten.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch ging eines Nachmittags in die Bude, wo alle sich trafen und nahm all meinen Mut zusammen. Ich erklärte ihnen, es hätte nichts mit ihnen persönlich zu tun, aber ich würde die Ansichten des Nazitums nicht mehr teilen können. Einfältig wie ich war, hatte ich angenommen, diese Jungs besäßen genug Ehre und Stolz, jemanden, der sich diese ehrlichen Worte zu sagen wagt, wenn schon nicht zu respektieren, dann zumindest mich ziehen zu lassen.

Sie spukten mich an, später suchten sie einen Hundehaufen und zogen mich nachdem ich zu Fall gebracht war, der Länge nach hindurch. Ein paar Tritte in die Rippen und sie gingen.

Ich bin an diesem Sommertag gestorben. Innerlich brannte der Hass alles aus, was es in mir gab. Ich sann nach Rache und entwickelte mich in eine neue Richtung. Ich begann Marx zu lesen und suchte in Annaberg nach neuen Freunden. Über eine Freundin einer Freundin geriet ich an Punks und linke Autonome. Ich wurde ihr Freund und sie wurden ein Teil meiner Familie. Den Namen Siggi behielt ich, denn ich wollte, dass meine ehemaligen Vorbilder ihn hörten, wenn sie ihren Feind sahen. Ich war Feuer und Flamme und habe viel Streit mit meinen Eltern gehabt. Ich habe einigen Unsinn angestellt und ich kann meinen Eltern nur dankbar sein, das sie die Geduld hatten. Auch bei den Linken waren Alkohol und Rauchen ständige Wegbegleiter. Ich merkte nach Jahren, dass es auch nicht das war, was ich suchte. Ich mag sie heute noch alle, aber ich habe mich weiterbewegt. Mein Kopf war schon immer rastlos und auf der Suche nach den Antworten, zu den Fragen, die das Leben stellt und so verlor ich auch den Glauben an die anderen Ideologien.

Der Name Siggi war mittlerweile so geprägt und mit meiner Pubertät verwachsen, dass ich selbst von meinen Berufsschullehrern so genannt wurde. Mein Spitzname stand mit Bleistift hinter meinem eigentlichen Namen geschrieben. Es gab aber immer einen wesentlichen Unterschied zwischen Siggi und Norman. Der eine ist der selbstgerechte Moralapostel, ordentlich und bodenständig. Der Steinbock in mir. Auf der anderen Seite steht Siggi, welcher jähzornig, impulsiv, abenteuerlustig und ehrgeizig ist. Das ist wohl mein Widder Aszendent. Diese zwei Seelen habe ich schon immer in mir gehabt. Mein Spitzname hat mir die Möglichkeit gegeben, viel innere Kraft aufzubringen. Ich verbinde mit ihm die prägendste Zeit in meinem Leben. Je älter ich werde, desto weniger identifiziere ich einen bestimmten Charakter nur mit dem jeweiligen Namen. Die Unterschiede sind verschmolzen und heute betrachte ich Siggi als meinen Zweitnamen. Er gehört zu mir und ich bin stolz auf ihn. Er ist mein Stempelblatt, meine Credenziale und ich betrachte ihn als Glücksbringer.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoDer Spitzname ist etwas geheimes, was wir für uns haben. Außer unseren Freunden kennt die Geschichte dahinter nur selten jemand. Wie ein Privileg können wir Menschen einweihen oder nicht. Ich empfand Spitznamen schon immer als etwas Geheimnisvolles. Mein Vater hatte den Spitznamen “Dave” und ich bin als Kind fast geplatzt vor Neugier, wer ihn so nannte. Es kamen nämlich Briefe für “Dave” an. Als ich älter war, verstand ich, dass es einfach nur alte Freunde waren und der Spitzname von unserem Nachnamen abgeleitet war, aber die Mystik besteht für mich auch heute noch, wenn ich Menschen kennenlerne, die einen besonderen Spitznamen haben.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch hoffe, Euch nicht zu sehr gelangweilt zu haben. Mich hat hier jedenfalls noch der Schuh gedrückt. Es war der Name “Schweinchen”, dafür habe ich mich immer geschämt. Ich habe mich seitdem immer als zu dick empfunden, aber es geht wohl vielen Menschen so, die geärgert wurden. Auch ich habe sicherlich irgendwelchen Menschen ein Trauma eingejagt, denn ich war auch nicht immer der netteste Zeitgenosse. Dafür bitte ich um Vergebung und betrachte die gegen mich gerichteten Worte als vergessen.

Ich sitze jetzt hier in Santiago und so langsam wird es Zeit mit dem Schreiben aufzuhören. Ich habe Eure Geduld nun auch lange genug strapaziert.

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Hier noch ein Gedicht, welches ich sehr mag. Es gibt genügend Portale, die Gedichte über den Jakobsweg ausstellen. Schaut Euch dort welche an, wenn es Euch interessiert. Dies hier ist mein Blog und ich möchte eines einstellen, welches ich schon immer gemocht habe, da es schlicht und einfach ist und ganz das kindliche Gemüt von J.R.R. Tolkien wiederspiegelt. Er hat mit dem “Hobbit” und dem “Herrn der Ringe” sicherlich ein paar der größten Werke zum Thema Wanderschaft geschrieben, denn genau das sind diese Bücher für mich.

Reise auf dem Jakobsweg, camino francés, camino de SantiagoIch danke Euch allen fürs mitlesen. Ich beende hier nun meine Berichterstattung und kehre in mein Heim zurück. Ich hoffe es hat Freude bereitet. Es werden weitere Berichte folgen, wenn ich mein neues Projekt angehe. Bis dahin muss ich aber noch ein wenig Geld verdienen und mich in meine Ideenschmiede zurückziehen. Danke vielmals und Buen Camino!

Die Straße gleitet fort und fort,
Weg von der Tür, wo sie begann,
Weit überland, von Ort zu Ort,
Ich folge ihr, so gut ich kann.
Ihr lauf ich raschen Fußes nach,
Bis sie sich groß und breit verflicht
Mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht.

Norman Siggi David    Santiago de Compostela    02.07.2013

 

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